Einige Wochen vergingen. TAKURO wurde zunehmend ungeduldig: Der Händler meldete sich kaum von selbst zum Stand der Arbeiten, entschuldigte sich nicht einmal kurz und ließ mit der erneuten Übergabe auf sich warten. Doch schließlich wurde der 964 ein zweites Mal ausgeliefert.
Diesmal waren die Warnleuchte, die Anzeigen, die Räder und der Sitz instand gesetzt – und natürlich auch das Kraftstoffleck behoben. Ursache für den Benzinaustritt war eine gealterte Dichtung oben am Tank. Der Defekt ließ sich offenbar erst erkennen, als der Tank voll war.
Selbst bei einem Wagen, an dem so viel Arbeit geleistet wurde, sollte man beim Kauf eines gebrauchten luftgekühlten Porsche mit dem einen oder anderen Problem rechnen. Wer einen klassischen Porsche oder einen luftgekühlten Porsche kaufen möchte, sollte sich darauf einstellen, dass Mängel wie diese auftreten können.
Wenn ich jemandem einen Rat zum Kauf eines luftgekühlten Porsche geben sollte, dann diesen: Defekte gehören bei solchen Autos dazu – man sollte nicht erwarten, dass alles hundertprozentig fehlerfrei bleibt. Viel wichtiger ist, wie ehrlich und sorgfältig der Händler mit Problemen umgeht und wie schnell er auf Rückfragen reagiert. Ich sage es immer wieder: Beim Gebrauchtwagenkauf kommt es nicht nur auf das Auto selbst an. Mindestens genauso wichtig ist es, sich den Händler und die Menschen dahinter genau anzusehen.
Der erneut ausgelieferte 964 strahlte eine ganz besondere Aura aus.
Also nahm ich ihn gleich auf meiner üblichen Strecke unter die Lupe.
Schon beim Starten beeindruckte mich die für einen Klassiker erstaunliche Ruhe – fast wie bei einem Neuwagen. Der 964 wirkte beinahe so hochwertig wie ein 993. Beim Anfahren zeigte sich der Motor ausgesprochen durchzugsstark. Die 17-Zoll-Räder sorgten für ein deutlich anderes Fahrgefühl als die 16-Zöller an meinem Wagen: Der 964 fühlte sich viel satter und schwerer an.
Der Unterschied überraschte mich ehrlich gesagt. Bei WRP, wo ich meinen 964 gekauft hatte, hatte man mir gesagt, dass sich 16- und 17-Zoll-Räder beim 964 deutlich unterscheiden. Mit einem so großen Unterschied hatte ich allerdings nicht gerechnet.
Mit 16-Zoll-Rädern wirkt der Wagen beim Beschleunigen ausgesprochen leichtfüßig. Auch beim Spurwechsel und bei schnellen Richtungswechseln reagiert er flink wie ein Wiesel. In der Seitenführung und bei der Lenkansprache hat er dagegen nicht ganz so viel zu bieten wie mit 17-Zoll-Rädern.
Mit 17-Zoll-Rädern wirkt der 964 schon beim Anfahren etwas schwerer und deutlich satter. Bei dieser Gelegenheit fuhr ich auch einen 993 Carrera S – und war überrascht, wie ähnlich sich sein Fahrgefühl anfühlte. Die Seitenführung mitten in der Kurve ist hervorragend, die Straßenlage sehr stabil. Gleichzeitig schien die Hinterachse fast zu viel Grip zu haben, sodass der Wagen insgesamt etwas zum Untersteuern neigte.
Das erinnerte mich an meinen damaligen BMW 318is (E36), bei dem ich von serienmäßigen 15-Zoll- auf 16-Zoll-Räder gewechselt hatte. Bei modernen Autos macht ein Zoll Unterschied oft kaum etwas aus. Bei den Fahrzeugen jener Zeit wurde mir jedoch klar, wie stark sich die Radgröße auf das Fahrgefühl auswirken kann.
Der Motor fühlt sich noch ein wenig straff an, dreht aber schon jetzt sehr gut und kräftig hoch. Das typische, freie Hochdrehen des luftgekühlten Motors – dieses unverwechselbare „Schaaan!“ – dürfte mit der Zeit noch besser zur Geltung kommen. Vermutlich wird der Motor nach etwa 10.000 weiteren Kilometern richtig eingefahren sein.
Auch das Schaltgefühl ist hervorragend: Die Gänge lassen sich angenehm und präzise einlegen. Der Schaltweg ist nach heutigen Porsche-Maßstäben etwas länger, doch die Schaltung vermittelt ein klares Feedback. Zwar fühlt sie sich nicht mehr wie die Synchronisierung der noch älteren Porsche an, ist aber ausgesprochen sympathisch.
Persönlich fand ich, dass man sich beim Einlegen des zweiten Gangs zunächst an die Bewegung gewöhnen muss. Hat man den Dreh einmal raus, ist das aber kein Problem mehr.
Das Fahrwerk ist mit Bilstein-Dämpfern ausgestattet und liegt etwa ein bis zwei Zentimeter tiefer als serienmäßig – entsprechend unterscheidet sich auch der Fahrkomfort etwas. Zusammen mit den größeren Rädern spürt man Unebenheiten etwas deutlicher als im Serienzustand, insgesamt fährt sich der 964 aber komfortabel. Beim Einlenken reagiert er direkter und folgt der Kurve recht bereitwillig, ohne dass man die Vorderachse so bewusst belasten muss wie beim Serienfahrwerk.
Einen 964 mit Schaltgetriebe zu fahren und selbst die Gänge zu wechseln, war für mich eine ganz neue Erfahrung.
Was den Unterschied zur Tiptronic (Automatik) angeht, ist das Leistungsgefühl ehrlich gesagt kaum anders. Im Gegenteil: Mit der Tiptronic kann man das Gaspedal sogar beherzter und schneller durchtreten. Hat man sich daran gewöhnt, lässt sich allein über die Schnelligkeit des Gasbefehls frei hoch- und herunterschalten – dadurch kann sich die Automatik sogar schneller anfühlen.
Geht es jedoch um Tempo auf engen Bergstraßen, hat das Schaltgetriebe mit seinen fünf Gängen die Nase vorn. Vor allem im zweiten Gang beschleunigt der Schalter aufgrund der Übersetzung spontaner. Auf engen, kurvenreichen Strecken dürfte er deshalb schneller sein.
Der 964 ist ein 911, mit dem man am liebsten immer weiterfahren möchte. Seine Zuverlässigkeit ist bereits spürbar verbessert, was für ein gutes Gefühl am Steuer sorgt; auch der Komfort ist überzeugend. Trotzdem ist er ein luftgekühlter Porsche, der den ursprünglichen Charakter des 911 bewahrt – mit einer gelungenen Balance aus klassischem Flair und modernerem Fahrgefühl.
Nach der Probefahrt stieg ich wieder in meinen eigenen 964 – und wusste einmal mehr, dass ich diesen Wagen hegen und pflegen und noch lange fahren möchte. Der 964 ist ein echter Klassiker: Er verbindet das klassische Fahrgefühl, das dem 993 fehlt, mit einer Modernität, die den 911-Modellen bis zum 930 noch nicht eigen war. Genau das macht den 964 aus.
Page: 1 2