Porsche 911 Carrera (991.1) im Test: Was macht das Basismodell so besonders?

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Porsche‑Kaufberatung

Seit ich mir einen 911 Carrera 4 GTS der Baureihe 991.1 zugelegt habe, bin ich dieser Generation verfallen. Nun hatte ich die Gelegenheit, auch das Basismodell 911 Carrera zu fahren. In diesem Fahrbericht möchte ich deshalb nicht nur meine Eindrücke schildern, sondern auch erklären, was den „normalen“ 911 so reizvoll macht.

Warum erfahrene Porsche-Fahrer zum Basis-911 zurückkehren

Diese Aussage habe ich schon oft gehört – lange bevor ich selbst Porsche fuhr: Renommierte Autojournalisten und Menschen, die bereits zahlreiche Porsche besessen haben, sagen häufig, dass der „normale“ 911 der beste ist.

Heck eines Porsche 911 Carrera (991.1)

Früher dachte ich beim Hören solcher Aussagen immer: „Das kann doch nicht sein. Die höheren Ausstattungsvarianten sind teurer und müssen deshalb besser sein. Leistung und Tempo sind schließlich alles: Turbo, GT3!“

Doch nachdem ich mehrere Porsche gekauft und gefahren hatte und außerdem zahlreiche Modelle vom 356 bis zum aktuellen Taycan kennenlernen durfte, verstand ich allmählich, was damit gemeint ist.

Porsche denkt bei den Modellvarianten anders

Wer zum ersten Mal einen Porsche kauft, geht oft davon aus, dass höhere Modellvarianten – wie bei vielen anderen Herstellern – die Komplettausstattung bieten und alle Stärken der günstigeren Modelle in sich vereinen.

Deshalb sprechen anfangs viele die Modellhierarchie und das eindrucksvolle Design der Topmodelle an. Wer sich für eine höhere Variante entscheidet, erwartet, dass Leistung, Komfort und Fahrspaß in jeder Hinsicht besser sind als bei den darunter positionierten Modellen.

Das trifft teilweise zu, auf Porsche lässt sich diese Annahme jedoch nur bedingt übertragen.

Porsche 911 Carrera (991.1) und Carrera 4 GTS (991.1)

Ein extremes Beispiel ist der Vergleich zwischen dem Basis-911 und dem GT3: Beide lassen sich nicht auf dieselbe Weise nutzen. Genauer gesagt, eignen sie sich für ganz unterschiedliche Einsatzzwecke. Im Vergleich zum vielseitigen Basis-911 bietet der GT3 trotz seines hohen Preises weniger Komfortausstattung und Dämmmaterial. Auch die Übersetzung und das nutzbare Drehzahlband des Motors sind kompromisslos sportlich ausgelegt. Der GT3 ist also nicht einfach ein höher positionierter 911, der alle Eigenschaften des Basismodells mitbringt.

Bei Topmodellen anderer Hersteller oder besonders sportlich abgestimmten Sondermodellen ist es dagegen oft so, dass sie zwar mehr Leistung und Ausstattung bieten, sich aber im Alltag kaum weniger vielseitig einsetzen lassen.

Für diesen Bericht vergleiche ich meinen Carrera 4 GTS mit dem Basis-Carrera – und die Unterschiede zwischen Carrera und GTS sind durchaus beachtlich. Darauf möchte ich im Folgenden besonders eingehen.

Der Porsche 911 Carrera als Basismodell

Der leuchtend rote Carrera in Indischrot zieht sofort die Blicke auf sich. Bei den Sonderausstattungen wurde nur das Nötigste gewählt: Sportliche Extras gibt es keine. An Bord sind die serienmäßigen 19-Zoll-Räder und das Fahrwerk ohne PASM. Auch das Sport Chrono Paket und die Sportabgasanlage fehlen.

Kurz: Das ist ein echter Carrera im Serienzustand.

Beim Starten meldet sich der Motor mit einem kräftigen, aber etwas zurückhaltenderen Klang als beim GTS. Der 3,4-Liter-Motor leistet 350 PS und stammt aus dem 981 Boxster S beziehungsweise GTS; die Abstimmung unterscheidet sich nur leicht.

Innenraum des Porsche 911 Carrera (991.1)

Die Sitze sind die serienmäßigen Sportsitze. In dieser Generation sind sie noch angenehm gut gepolstert – anders als die dünneren und härteren Sitze des 992. Bei der Schulterabstützung reichen sie zwar nicht ganz an die Sportsitze Plus heran, bieten dafür aber mehr Bewegungsfreiheit im Schulterbereich. Auf längeren Strecken dürfte das helfen, Verspannungen zu vermeiden.

Der erste Eindruck beim Losfahren: Der Carrera fühlt sich leichtfüßig an. Nicht unbedingt im Sinne eines geringen Gewichts, sondern vor allem durch seine agile Art, sich zu bewegen. Anders als der GTS, der direkt beim Anfahren mit Nachdruck zu Werke geht und sich förmlich in den Asphalt krallt, wirkt der Basis-Carrera entspannter. Es ist, als würde das Auto die Anspannung ablegen – wie ein Mensch, der mit lockeren Schultern und ganz entspannt losfährt.

Der Fahrkomfort ist keineswegs schlecht. Im direkten Vergleich mit einem Carrera S mit PASM, den ich früher gefahren bin, federt dieser Unebenheiten etwas geschmeidiger ab. Doch ohne den unmittelbaren Vergleich dürfte sich wohl kaum jemand über den Komfort beschweren.

Im Sportmodus halte ich die Drehzahl im mittleren Bereich und nehme die Kurven sauber und gleichmäßig. Obwohl die Sportabgasanlage fehlt, ist der Motorsound gut hörbar. Klangveränderungen, Lautstärke und Klangfarbe überzeugen auf ganzer Linie.

Endrohr des Porsche 911 Carrera (991.1)

Bei der Entwicklung des 991 wurde offenbar besonders viel Wert auf den Motorsound gelegt. Je nach Fahrsituation, Last und Gangwechsel verändert er Klangfarbe und Lautstärke. Der damalige Technikvorstand Wolfgang Hatz soll den Klang als „Sechszylinder-Orchester“ bezeichnet haben – und diese Bezeichnung verdient er sich mit seiner beeindruckenden Klangfülle.

Der kernige, fast schon donnernde Motorsound des GTS ist großartig. Doch auch der Carrera ohne Sportabgasanlage klingt hervorragend: leichtfüßig und kultiviert, fast wie eine Melodie. Selbst innerhalb derselben 911-Generation sind die Charaktere völlig unterschiedlich – und genau das macht die Wahl der passenden Porsche-Variante so schwierig. Am Ende ist vieles Geschmackssache.

Für eine schnelle Fahrt über kurvige Bergstraßen gefällt mir der kraftvolle Klang des GTS. Auf ländlichen Nebenstraßen hingegen könnte ich mir vorstellen, dem Klang des Basis-Carrera länger und ohne Überdruss zuzuhören.

Auch die 350 PS passen bestens. Auf japanischen Kurvenstraßen lässt sich die Leistung gut ausfahren, und im Vergleich zu den stärkeren Varianten gibt es mehr Gelegenheit, den Motor hochzudrehen und aktiv zu nutzen.

Fahrzeughöhe des Porsche 911 Carrera (991.1)

Der Abstand zwischen vorderem Kotflügel und Reifen beim Carrera – etwa vier Finger breit.

Fahrzeughöhe des Porsche 911 Carrera 4 GTS (991.1)

Hier der Carrera 4 GTS – etwa drei Finger breit.

Auch beim Handling gibt es deutliche Unterschiede. Am augenfälligsten ist die stärkere Seitenneigung des Basis-Carrera. (Das ist natürlich der Vergleich mit dem GTS – gegenüber einem gewöhnlichen Auto neigt sich der Carrera nach wie vor deutlich weniger.)

Meine Frau fand die Seitenneigung und das leichtfüßige Fahrgefühl eher beunruhigend. Mir ging es ganz anders: Für mich wurde die Seitenneigung zu einer Art Messinstrument, das die Radlast und den Grenzbereich spürbar macht. Das Auto vermittelt dem Fahrer fortlaufend, was gerade passiert.

Dadurch fällt es leicht, mit dem Auto in Kontakt zu bleiben. Die seitliche Lastverteilung beim Lenken und die Gewichtsverlagerung beim Gasgeben, Gaswegnehmen und Bremsen lassen sich gut nachvollziehen. Man spürt förmlich, in welchem Zustand sich das Auto befindet und wie viel Reserve noch bleibt. Das macht wirklich Spaß.

Fährt man dieselbe Strecke im GTS, kann man kräftig aufs Gas treten: Dank des Allradantriebs und vermutlich auch des PTV lenkt er sich entschlossen in die Kurve und beschleunigt anschließend beeindruckend stabil wieder heraus – ohne dass man sich ständig mit der Gewichtsverlagerung beschäftigen muss. Das ist herrlich mitreißend und macht süchtig. Trotzdem vermittelt der Basis-Carrera eindeutig stärker das Gefühl, selbst am Steuer zu sitzen. Dieses Gefühl erinnert an das Fahren eines luftgekühlten Porsche.

Darin liegt vermutlich einer der Gründe, warum erfahrene Porsche-Fahrer den „normalen“ 911 so schätzen. Wer sich gut mit dem Fahren auskennt und viele Autos erlebt hat, landet offenbar irgendwann bei einem Fahrzeug, das ein besonders unmittelbares Gefühl der Kontrolle vermittelt. Dieses Gefühl bietet der Basis-911 seit jeher besonders ausgeprägt – und deshalb entscheiden sich erfahrene Fahrer immer wieder für ihn.

Beim Auto zählt die Balance

Porsche 911 Carrera (991.1)

Der leichtfüßige Klang des großvolumigen, frei saugenden Sechszylinders, das agile Fahrwerk und die mit 350 PS bewusst nicht überbordende Leistung passen hervorragend zusammen. Genau das macht die gute Balance aus. Würde man diesem Carrera einfach den kraftvollen Sound des GTS verpassen, könnte das nicht mehr so gut zum Fahrwerksgefühl und zur Leistung passen – und sich möglicherweise unstimmig anfühlen.

Der GTS ist in sich ausgewogen, und auch der Basis-Carrera überzeugt durch seine eigene Balance. Die sportlichen Optionen von Porsche kann man sich wie Gewürze vorstellen, mit denen sich diese Abstimmung nach persönlichem Geschmack verfeinern lässt.

Bei Porsche ist es also nicht einfach so, dass das Topmodell grundsätzlich besser und das Einstiegsmodell schlechter ist. Wenn es überhaupt klare Unterschiede gibt, dann bei Tempo und Preis. Wer vor allem Wert auf Geschwindigkeit legt, ist mit einer höheren Modellvariante gut beraten. Wer dagegen Fahrspaß und ein direktes Fahrgefühl sucht, sollte sich nicht von Optik, Prestige oder Modellhierarchie leiten lassen, sondern die Variante wählen, die zum eigenen Können und Geschmack passt.

Hiro

Ich bin Minas Ehemann. Ich fahre Autos nicht als Mode oder Statussymbol. Mir gefallen Wagen, die Spaß machen, als Industrieprodukt überzeugen und in denen man die Absicht der Macher spürt. Lange Touren sind meine Leidenschaft, und ein Auto zählt erst, wenn man es fährt. An freien Tagen reise ich mit unseren Wagen durch Japan. Im Blog schreibe ich vor allem Fahrberichte und Tourenberichte und kümmere mich um die Technik der Seite und ums Tuning.

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